Durchbruch bei der Liberalisierung des Saatgutmarktes – neue Regeln, neue Chancen

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Endlich ist es soweit: ab 2022 darf auf dem europäischen Saatgutmarkt heterogenes Material gehandelt werden. | 17. August 2021 | von Bella

Warum Nutzpflanzenvielfalt ein entscheidender Baustein für eine nachhaltige Landwirtschaft ist, haben wir schon in anderen Blogs erklärt. Daher ist es für uns eine tolle Neuigkeit, dass ab Januar 2022 in der Europäischen Union biologisch heterogenes Material wie Populationssaatgut für den Verkauf zugelassen ist. Bislang durften für die meisten Kulturpflanzen nur Sorten in Verkehr gebracht werden, die einen langen und teuren Registrierungsprozess durchlaufen haben und die DUS-Kriterien erfüllen – Unterscheidbarkeit, Homogenität und Stabilität. Populationen passen nicht in dieses Schema, haben aber großes Potenzial für die Landwirtschaft.

Welche Konsequenzen diese Öffnung des europäischen Saatgutmarktes insbesondere für den Ökolandbau hat, um welche Regeln bis zuletzt gerungen wurde und was für Chancen sich dadurch für den gemeingüter-basierten Saatgutsektor auftun, erfahrt Ihr aus diesem Blog.

Nutzung von »heterogenem Material« – Ein Lösungsansatz mit Klärungsbedarf

In unserem Blog »Zukunftsfähige Landwirtschaft: Helfen Populationen?« haben wir geschrieben, dass Kulturpflanzen vor allem eines brauchen, um auf sich verändernde Umweltbedingungen zu reagieren: Genetische Vielfalt. Sie ist erstens Voraussetzung für die Anpassung von Pflanzen an lokale Standortfaktoren und mindert zweitens das Risiko von Ernteausfällen. Reinerbige Liniensorten, die sowohl in der konventionellen Landwirtschaft als auch im Ökolandbau hauptsächlich verwendet werden, sind genetisch sehr einheitlich, d.h. homogen und über viele Generationen stabil. Das erleichtert ihre Kontrolle und Vermarktung, birgt aber in Zeiten von Wetterextremen und einem sich rasch wandelnden Klima die Gefahr von biologischen Sackgassen.


Versuchsfeld auf dem Dottenfelderhof bei Bad Vilbel. Hier werden auch viele Populationen gezüchtet.

Populationen dagegen sind genetisch vielfältig und haben viel Potenzial für eine anpassungsfähige Landwirtschaft. Aber sie entsprechen nicht dem gängigen Sortenverständnis. Bevor sie in die neue EU-Öko-Verordnung aufgenommen werden konnten, gab es daher noch einige Fragezeichen. Ein Versuchszeitraum, innerhalb dessen Populationen ausgewählter Kulturpflanzen probehalber zugelassen waren, konnte vieles klären. Doch auch nach Verabschiedung der Verordnung gab es noch heftige Diskussionen; den einen ging sie zu weit, anderen nicht weit genug.

Nach langem Tauziehen musste der Ökolandbau auf einzelne Forderungen verzichten, in anderen Punkten konnte er sich durchsetzen. Die neue Durchführungsbestimmung zur Nutzung von heterogenem Material ist da, und nun ist klar, welche Regeln ab Januar 2022 gelten. Ein kurzer Überblick.

Neue Regeln, neue Möglichkeiten

Zunächst zu den Stärken der Durchführungsbestimmung: Der Verkauf von heterogenem Material (Populationen) darf EU-weit stattfinden und im Gegensatz zum Versuchszeitraum gibt es keine Mengenbeschränkung für die Abgabe von Saatgut. Des Weiteren wird die formelle Anmeldung von Populationssaatgut deutlich schneller und kostengünstiger sein als für regulär registrierte Sorten. Ein weiterer Knackpunkt: Für regulär registrierte Sorten gelten hohe Mindestwerte für die Keimfähigkeit. Diese sind mit heterogenem Material nicht so leicht zu erfüllen. Für Populationssaatgut gilt daher, dass die Keimfähigkeit auch etwas niedriger sein kann, aber in jedem Fall muss sie auf der Packung angegeben sein. So eröffnen sich insgesamt für ökologische Pflanzenzüchter und -züchterinnen neue Möglichkeiten, eigenes Saatgut zu vermarkten.

Umstritten war die Frage, welche Anforderungen Saatgut im Ökolandbau erfüllen muss. Die bisherige Regel lautete: Wenn ökologisch vermehrtes Saat- oder Pflanzgut verfügbar ist, muss solches auch verwendet werden. Konkret bedeutet das aber nur, dass Saatgut unter ökologischen Bedingungen vermehrt worden sein muss – einjährige Sorten seit mindestens einer Generation, mehrjährige während einer Generation über mindestens zwei Vegetationsperioden. Diese Regel wurde beibehalten.


Populationen wie der open-source Weizen Convento C sind durch ökologische Züchtung besser an die Anforderungen des Ökolandbaus angepasst.

Bei der Nutzung heterogenen Materials im Ökolandbau hatten Züchterinnen und Züchter gefordert, dass Saatgut nicht nur aus ökologischer Erzeugung, sondern aus ökologischer Züchtung stammen sollte, da Erfahrungen gezeigt hatten, dass diese besser für den Ökolandbau geeignet sind. Diese Klausel wurde leider gekippt, sodass theoretisch sogar genetisch veränderte Organismen als heterogenes Material deklariert werden könnten, sofern sie auf ökologisch bewirtschafteten Flächen vermehrt wurden. In diesem Punkt konnte sich also die Lobby des konventionellen Saatgutsektors durchsetzen, doch auch der Öko-Sektor kann viele Erfolge vorweisen.

Kein Sortenschutz – eine Chance für open-source

Wie oben erwähnt erfüllt heterogenes Material nicht die gängigen Kriterien zur Definition einer Sorte. Das hat eine rechtliche Dimension, die für die Pflanzenzüchtung besonders relevant ist: Populationen können nicht unter Sortenschutz gestellt werden, sie bleiben also Gemeingut. Wir sehen die Legalisierung von heterogenem Material daher als große Chance für einen Gemeingüter-basierten Saatgutsektor. Dabei ist es jedoch wichtig, die Populationen nicht ungeschützt zu lassen, sondern sie dauerhaft als freies Pflanzenmaterial zu sichern. Weiterentwicklungen, d.h. Züchtungen aus nicht-geschütztem Material können sonst wieder unter Sortenschutz gestellt werden, was die Arbeit vieler wieder in Kanäle leiten würde, von denen nur wenige profitieren.

Wir hoffen, dass dies Züchterinnen und Züchter ermutigt, für ihre Populationen die Open-Source-Lizenz als Alternative zum nicht anwendbaren Sortenschutz zu nutzen.

Die neue EU-Öko-Verordnung gilt ab 2022, somit kann ab 1. Januar heterogenes Material angemeldet werden. Mehr Informationen im offiziellen E-Learning-Kurs.